Mein Ergoflix-Rollstuhl ist super. Selbst dann, wenn nichts mehr geht (im Wortsinn) bringt er mich leise säuselnd ans Ziel. Und ohne ihn hätte im letzten Jahr Vieles nicht funktioniert. Erst mit dem „fahrbaren Untersatz“ bin ich überhaupt wieder vor die Tür gekommen, ohne komplett zu crashen.
Der Ergoflix hat aber auch seine Schwächen: ist der Untergrund uneben oder nass, verliert er die Traktion. Das ist bergauf nur nervig, weil er dann hin und wieder unkoordiniert die Richtung wechselt oder einfach gar nicht von der Stelle kommt. Bergab kann es dann aber auch gefährlich werden, denn eine wirkliche Bremse hat er ja nicht. Außerdem ist hier im Maifeld mancher Weg und manche Straße derart steil, dass die interne Schutzschaltung bei Bergab-Fahrten schonmal aufgegeben hat und ich dann entweder mit den Füßen bremsen musste oder eben auch mal in den Graben gekippt bin. Das macht ihn nicht zum schlechten Gerät (er ist ja nicht für Off-Road gebaut), schränkt mich aber dann doch teils mehr ein als mir lieb wäre. Auch in der Stadt kann es mal problematisch werden: hohe Bordsteinkanten, Kopfsteinpflaster und vor allem dichtes Getümmel werden wirklich herausfordernd, und manches Mal hat der Ergoflix mich dann zwar körperlich entlastet, aber kognitiv und emotional eher gestresst.
Ich will ihn auf jeden Fall weiter benutzen, denn an schlechten Tagen ist und bleibt er eine sichere Fahrkarte nach draußen. Aber es braucht eine Alternative für Tage mit mehr Bedarf an Freiheit und Flexibilität.
Ein Aktivrollstuhl als Ergänzung
Bei einer Veranstaltung in unserem eigenen Garten war ich mit dem Ergoflix umgekippt, eine Woche später scheiterte ich hier auf dem Maifeld in einem kompletten Ort an nicht abgesenkten Bordsteinen. Das brachte mich ins Grübeln: sind größere Hinterräder vielleicht in manchen Fällen sicherer und praktischer? Wäre es in diesen Situationen nicht hilfreich, wenn ich die Steuerung nicht einer Elektronik überlassen müsste? Ich habe also ausführlich recherchiert und bin auf eBay über ein Angebot gestolpert: ein faltbarer Aktivrollstuhl (der erschreckenderweise exakt meine Maße hat) mit elektrischer Restkraftunterstützung. Gebraucht, generalüberholt, ohne Angabe zur Akkukapazität, aber verkauft von einem „echten“ Reha-Fachbetrieb.
Nach ein wenig Preisverhandlung und Recherche habe ich nicht lange gefackelt: 500€ würde ich auch bezahlen wenn ich vor Ort einen Rollstuhl zum Testen für 4 Wochen ausleihe. Und allein der Faltrollstuhl aus der Annonce selber würde selbst gebraucht noch mindestens 600€ kosten. Also: volles Risiko und zuschlagen!
Eine Woche später kam der Hobel an, ausgestattet mit zwei – zugegeben steinalten – „Alber e-motion M15“-Antriebsrädern. Nicht state-of-the-art, aber für diesen Sommer sicher besser als nix und zum Testen ideal. Da hier gerade Straßenbauarbeiten den Asphalt mit einer wunderbar rutschigen Staubschicht pudern, habe ich die abgefahrenen Reifen noch durch ein paar neue mit etwas groberem Profil ausgetauscht, bevor es an die erste Probefahrt ging. Und die war anders:
Allein unsere Grundstücks-Auffahrt ist ein Mobilitäts-Krimi. Die hat eine Steigung von 16%, im unteren Bereich sogar 22%. Das geht mit dem Ergoflix bergab nicht, denn die internen Bremsen klinken sich spätestens unten komplett aus. Mit dem Aktivrollstuhl geht es, denn da kann ich an den Greifrädern fest zupacken und fein dosiert bremsen, die Antriebe unterstützen dabei wirklich gut. Bergauf kehrt sich die Situation dann um: Der Ergoflix macht das mit Vollgas dann recht easy, mit dem Aktivrollstuhl geht es nur in 20cm-Schritten aufwärts – allerdings mit erstaunlich wenig Kraftaufwand. Bei so einer Steigung ist dann eher Koordination das Problem, denn wenn nicht auf beide Räder gleichzeitig Kraft gegeben und das Körpergewicht vernünftig verlagert wird, fährt man Slalom. Das muss ich noch üben. Ansonsten: Zeit habe ich ja.
Wirklich erholsam wurde es dann auf der Fahrt in den Wald. Das ist die übliche tägliche Gassirunde mit Loki. Der Ergoflix zieht hier immer in Richtung Abgrund, weil der asphaltierte Weg nicht nur ein Gefälle hat, sondern auch zur Seite geneigt ist. Auf feuchtem Asphalt fahre ich dann gern mal einfach im Kreis, weil dann die Räder auch die Haftung verlieren. Mit dem Aktivrollstuhl ein völlig anderes Bild: entspanntes heruntergleiten. Dem Linksdrall wirkt mann durch leichtes Nach-Rechts-Lehnen entgegen, und im Gegensatz zum Ergoflix habe ich dadurch, dass beide Hände an den Greifrädern sind, ein deutlich höheres Sicherheitsgefühl: ich kann selber bremsen.
Auf ebener Strecke und glattem Asphalt wird es dann zum Kinderspiel, denn hier rollen Dich die beiden Antriebsräder durch blosses Antippen vorwärts. Abruptes Anhalten oder Drehen auf einer Briefmarke: kein Problem und faktisch kein Kraftaufwand. Auch auf Schotter oder Gras geht’s prima, sofern im Rasen keine Mauselöcher sind in die die Lenkrollen genau passen (Abflug!).
Die Tour war super und hat riesig Spaß gemacht, bis es dann zurück nach Hause ging. Bergauf, die Straße voller Sand und Lava-Staub von den Bauarbeiten im Tal. Das dauerte ewig. Nicht weil der Kraftbedarf so groß war, sondern weil ich es (noch) nicht koordiniert bekomme rechts und links wohldosiert anzuschieben und gleichzeitig mein Gewicht nach vorn zu verlagern. Verlagere ich hier nicht, bin ich froh über die Kippschutz-Rollen (mit denen man beim Durchfahren einer Abfluss-Rinne allerdings auch mal aufgebockt liegen bleiben kann). Zuhause angekommen war ich erst mal ziemlich im Eimer.
Einen Tag später folgte der Praxis-Test in der Stadt: bei einem kurzen Shopping-Trip mit meiner Schwiegermutter nach Koblenz konnte ich ganz wunderbar verschiedene Untergründe und Verkehrs-Situationen ausprobieren. Und das war mega entspannt! Bordsteinkanten? Kein Problem. Kopfsteinpflaster? Easy. Bewegen im Klamottenladen? Ein Traum an Präzision. Vor allem aber (und das mag sich bescheuert anhören): inmitten so vieler Menschen die auf ihren eigenen Beinen unterwegs sind fühlt man sich weniger „behindert“, wenn man selber aktiv fährt anstatt sich von einer Maschine fahren zu lassen. Die wirklich kräftigen Hilfsantriebe sieht ja niemand. Seit langem hatte ich so mal wieder das (möglicherweise trügerische) Gefühl, dass nicht alle Blicke auf mich gerichtet sind.
Ein vorläufiges Fazit
Gerade bin ich etwas wirr im Kopf: der Aktivrollstuhl macht Spaß vor allem dort, wo der Ergoflix an seine Grenzen kommt. Er birgt aber auch Potential, mich selbst an oder über Grenzen zu bringen. Hierbei kann ich allerdings – Stand heute – noch nicht wirklich sagen ob es am Rollstuhl selbst oder an mangelnder Fahrpraxis liegt. Eins ist aber erschreckend klar: im Aktivrollstuhl fühle ich mich in Grenz-Situationen sicherer und ganz allgemein auch freier.
Ich denke, dass beide Rollstühle je nach Situation und vor allem abhängig von meiner Belastbarkeit Sinn machen. An wirklich miesen Tagen gibt der Ergoflix mir die Möglichkeit, wenigstens ein paar Minuten vor die Tür zu kommen. Und auch bei längeren Ausflügen wird der weiterhin Reichweite geben, ohne in den Crash zu führen. An besseren Tagen oder eben dann, wenn ich nicht weit „rollen“ muss und es auf Präzision und Flexibilität ankommt, wird „der Aktive“ sehr sicher mein Favorit werden.
Ich habe beschlossen, jetzt erst mal ausgiebig auf dem gebrauchten e-motion zu testen bevor ich mich an die Krankenkasse für eine Versorgung mit der moderneren Variante wende. Das wird nämlich sicher und auch nachvollziehbar nicht ganz einfach, wenn ich beide Rollis behalten möchte. Ein ausgiebiger und dokumentierter Test des Systems kann mir dann aber in der Argumentation helfen. Und nicht zuletzt habe ich selbst dann auch Gewissheit, ob das langfristig auch Sinn ergibt.
Im nächsten Schritt steht jetzt erst mal Bastelarbeit bevor, denn die Akkus beim Alber-Rollstuhl sind maximal platt und es gibt keine Ersatzteile mehr. Am nächsten wirklich richtig guten Wochenende ohne Bullen-Hitze werden deshalb die Akkuzellen gegen brandneue Markenzellen getauscht, hoffentlich ohne unkontrolliertes Abfackeln von Lithium-Akkus.



