Ein Mann mit Weihnachtsmannmütze, orangefarbenem Pullover und blaugrünem Schal hält ein Taschentuch in der Hand und scheint zu niesen oder sich unwohl zu fühlen, während er vor einem schlichten grauen Hintergrund steht.

Männerschnupfen

Vergangenen Freitag und Samstag brachten wir unseren ersten Adventsmarkt der Saison hinter uns. Am bisher kältesten Wochenende des Jahres mit zauberhaftem Wetter, ich dick eingepackt in 5 Lagen Textil, Schaffell auf dem Schoß und elektrische Heizklamotten überall am Leib. Und direkt schon am Sonntag war es soweit: mein eigener Husten warf mich aus dem Bett, für mich ein klassischer „Männerschnupfen“. In der Folge aber zeigte sich welch krasse Fehleinschätzung das sein kann, wenn im Hintergrund ME die Strippen im Körper zieht.

Am Sonntagmorgen konnte ich noch hustend Bäume ausreissen. Gegen Nachmittag kam der Husten dann anfallsartig und raubte mir die Kraft. Montags ging dann nichts mehr. Zwischen den Hustenanfällen, die mir die Luft raubten und im Brustkorb mit einem weithin hörbaren Knarzen endeten, war nichts als Abgeschlagenheit und Angst vor dem nächsten Anfall. Die Nacht zum Dienstag war schlaf- und luftlos.

Dienstags vormittags hatte ich einen wichtigen Kontrolltermin bei meiner besonders in Sachen „ME-Nebenerscheinungen“ sehr engagierten Dermatologin. Und weil besonders jetzt im Winter meine immer noch seltsame und leider auch sehr schmerzhafte Urtikaria immer wieder aufflammt, wollte ich den Termin nicht ausfallen lassen. Der COVID-Schnelltest war immer noch negativ und ich entschloss mich aller Kraftlosigkeit zum Trotz den Weg gen Andernach anzutreten. In der Praxis wurde ich dann mit einem „sie sehen aber sch***e aus“ begrüßt, und nachdem alles dermatologische gemacht war sah man sich genötigt, mal die Temperatur zu messen. 38.6°C auf der Stirn. Ich solle dann doch vielleicht mal besser beim Hausarzt vorstellig werden.

Also auf dem Rückweg noch bei meiner Hausärztin vorbeischauen. Nachdem die mich dann abgehört und mit leichtem Entsetzen eine Stirn-Temperatur von 38.5°C gemessen hatte, war klar: findige Bakterien haben den anfänglichen viralen Infekt ausgenutzt und meine Lunge zur Party-Zone erklärt. Antibiotika, Fiebersenker, stark wirksames Asthma-Spray und ein anderer Schleimlöser als der, den ich seit Sonntag schluckte, landeten auf dem Rezept. Und ein wichtiger Rat: „unterschätzen und verharmlosen Sie ab sofort keinen noch so kleinen Infekt, das ist zu gefährlich. Und schämen Sie sich nicht, mit Männerschnupfen in die Praxis zu kommen.“

Der Dienstagnachmittag entwickelte sich zum Albtraum. Beim Husten presste ich jede Luft aus meinen Lungen, es ging aber keine neue mehr rein. Die Hustenanfälle gingen im Wortsinn bis zum Erbrechen, gefolgt von extremer Luftnot und immer musikalisch untermalt von teils seltsamen Geräuschen aus dem Brustkorb. Irgendwann kam dann endlich die Lieferung aus der Apotheke an, und das Asthmaspray gab deutlich Linderung. Bereits 3 Stunden nach der ersten Antibiotika-Pille merkte ich, dass sich etwas ändert. Denn der Husten wurde nicht weniger, aber wenigstens „produktiv“. Die Nacht war Horror.

Mittwochs dann wurde die Luftnot Stunde um Stunde weniger. Das Fieber ging dann endlich auch gegen nachmittag runter, und gehustet wurde nur noch, wenn es was zum „abhusten“ gab. Was blieb war eine gewaltige Kraftlosigkeit. Aber das schlimmste scheint überstanden. In der Nacht auf Donnerstag konnte ich endlich wieder mal schlafen, und morgens schmeckte dann sogar der Kaffe wieder. Es wird immer noch gehustet, und in der Lunge rasselt und blubbert es immer noch, aber ich bekomme Luft. Ein Segen.

Warum breite ich hier meinen Männerschnupfen so aus? Weil ich gerade erfahren durfte, wie gefährlich es ist wenn man den mit ME auf die leichte Schulter nimmt und wie wichtig es ist, ihn zu vermeiden. Fakt ist: Fieber nehme ich nicht mehr als Alarmsignal wahr. Temperaturen über 39°C sind einfach Alltag geworden, weil sie bei mir zu den ersten Anzeichen von PEM gehören und einfach immer wieder auftreten. Auch das „Grippegefühl“ ist nicht mehr wirklich ein Krankheits-Signal, denn das habe ich ohnehin seit Jahren an 5 von 7 Tagen. Und so bemerken wir ME-Patienten einen Infekt erst deutlich später als „Otto Normalhuster“ und schätzen ihn als deutlich weniger stark ein. Hinzu kommt: unser Immunsystem reagiert anders, manchmal auch gar nicht. Es ist 24/7 damit beschäftigt, sich gegen den eigenen Körper neue Gemeinheiten einfallen zu lassen. Gängige Krankheitserreger werden da gern mal übersehen. Und wenn sie dann entdeckt werden, reagiert unser Immunsystem dann auch gern mal über. Auf der anderen Seite stehen aber auch der Abwehr nur noch die durch ME sehr eingeschränkten Energie-Ressourcen zur Verfügung.

Ein weiterer Faktor: unsere eingeschränkte Mobilität nimmt unserem Immunsystem die Trainingsmöglichkeiten. Wir kommen einfach zu wenig unter Leute (und Viren) und sind dadurch leichte Opfer, wenn doch mal ein Erreger vorbeischaut. Und insbesondere bei Atemwegserkrankungen kommt dazu, dass wir nunmal viel Zeit liegend verbringen und deshalb unsere Bronchien und Lungen nicht immer bis in die letzte Ecke ausreichend „belüftet“ werden. In Summe sind wir leider sehr viel empfänglicher für Infekte und sehr viel geeigneter für abnormale Verläufe.

Zu guter Letzt wirken bei uns gängige Medikamente mitunter nicht, oder sie wirken anders. Seit Jahrzehnten behandele ich Bronchialinfekte mit ACC (Acetylcystein) als Schleimlöser. Das hat bisher immer mehr oder weniger unmittelbar dafür gesorgt, dass in Bronchien und Nase die Niagarafälle überliefen und jeder „Rotz“ herauskam. ACC macht seit ME aber praktisch nichts mehr in Sachen Schleim. Stattdessen scheint es kurzzeitig Energie zu mobilisieren, was unter Umständen auf die antioxidative Wirkung zurückzuführen ist (oder auf Placebo). Ibuprofen gegen das Fieber hilft nur noch in höherer Dosierung und auch erst mit deutlicher zeitlicher Verzögerung. Das alles macht ein ziemliches Umdenken nötig.

Die Moral von der Geschicht‘: Infektionsprophylaxe. So ein Männerschnupfen kann schnell gefährlich werden, selbst wenn er „nur“ zur PEM führt. Also müssen Maßnahmen ergriffen werden. In der Erkältungssaison wird wohl die FFP2-Maske wieder ausgegraben, denn die wenigsten hustenden Menschen sind so verantwortungsvoll, einen Mundschutz zu tragen oder eben nicht auf den Weihnachtsmarkt zu gehen. Auch lässt sich ja leider kaum jemand noch impfen, so dass auch weit gefährlichere Erreger als das Männerschnupfen-Virus lustig zirkulieren. Für mich dann auch ganz klar ein Grund, keine Impfung auszulassen: ich nehme lieber ein bis 3 Tage „Impfkater“ in Kauf als eine Influenza- oder COVID-Infektion. Die Bakterien in meiner Lunge konnte ich mit Antibiotika gut in ihre Schranken verweisen, mit Viren geht das nicht. Nicht auszudenken, was dann in meinem Körper los wäre.

Ich möchte – wenn mein aktueller Infekt überstanden ist – zudem einen kompletten Vitamin-, Enzym- und Mineralienstatus erheben lassen und bei Bedarf supplementieren, um das Immunsystem zu unterstützen. Von der Multivitamin-Keule hält meine Ärztin nichts (und da sind wir uns einig), sie möchte gezielt vorgehen. Das ist in Sachen Diagnostik zwar wieder mal keine Kassenleistung, ermöglicht mir aber in der Folge einen kostengünstigen Einkauf im Drogeriemarkt. Den gefühlt positiven Effekt von ACC möchten wir gemeinsam mal im Auge behalten, denn das Zeug hat ansonsten erfreulich wenig Nebenwirkungen und es kommt mal auf einen Selbst-Versuch an: noch nie war ich während eines so katastrophal schlechten Allgemeinzustandes so klar im Kopf, und ACC ist die einzige Variable.

Also, liebe Mitbetroffenen: nehmt die Erkältungssaison nicht auf die leichte Schulter, kümmert euch um euer Immunsystem und achtet auf ausreichenden Schutz. Geht bitte auch mit „Männerschnupfen“ zum Arzt. Bei mir wäre einen Tag später wahrscheinlich nur noch der Weg ins Krankenhaus möglich gewesen und wir wissen alle, wie „unschön“ ein Aufenthalt dort für uns werden kann. Und an alle Nicht-Patienten: ein bisschen mehr Rücksicht und Verantwortung wäre für alle hilfreich: lasst euch gegen Grippe und Corona impfen und bleibt um Gottes Willen zuhause, wenn ihr verrotzt seid. Euer kleiner „Schnuppi“ kann für Andere lebensbedrohlich sein, aber auch ohne Drama: niemand hat darauf wirklich Bock. Behaltet ihn für Euch und kuriert ihn aus.

Kommentar verfassen

Nach oben scrollen